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Das Konstrukt der Realität

Im 4. Jahrhundert v. Chr. verfasst Aristoteles sein umfassendes zoologisches Werk, die ‚Historia animalium‘. Darin findet sich auch eine Passage, in der er die Meinung vertritt, dass Männer 32 Zähne besitzen, Frauen hingegen aber nur über 30 Zähne verfügen. Diese Aussage allein löst aus heutiger Sicht natürlich Verwunderung aus, da sich – so möchte man meinen – dieses Faktum auch schon damals relativ leicht empirisch hätte überprüfen lassen. Viel interessanter als den Irrtum an sich finde ich jedoch den Umstand, dass diese falsche Annahme viele Jahrhunderte lang weiterhin als gesichertes Wissen galt und von zahlreichen Autoren medizinischer Standardwerke übernommen wurde. Jahrhunderte lang hatten und verbreiteten die besten Gelehrten ihrer Zeit somit ein Bild der Realität, das nicht mit den tatsächlichen Fakten übereinstimmte.

Ich frage mich unwillkürlich, wo überall heute noch solches, als unumstößlich geltendes ‚Wissen‘ lauert. Aber gleichzeitig ist es uns allen ja durchaus bewusst, dass unser Wissen von der Welt nichts ist, was von garantiertem Bestand ist. Mehr noch ist es eine unserer wesentlichen Errungenschaften, dass wissenschaftliche Annahmen ständig hinterfragt werden. Erst dadurch, dass wir akzeptierten, dass es kein ewiges Wissen geben kann, haben wir es geschafft uns von den eingrenzenden und freiheitsraubenden Dogmen zu befreien und eine freie Wissenschaft zu entwickeln.

Doch was für das Große gilt, gilt auch für das Kleine; was für das Bewusste zutrifft, trifft auch für das Unbewusste zu. Ralph Waldo Emerson sagt: „Wir sehen die Dinge nicht so wie sie sind, sondern wie wir sind.“ und meint damit, dass wir alle unbewusst unser Bild von der Realität bauen. Jede und jeder von uns baut im Laufe seines Lebens nach und nach durch ihre oder seine Gedanken, Handlungen und Gewohnheiten das, was sie oder er letztlich als Realität bezeichnet.

Wahre Freiheit muss, so meine ich, neben der individuellen persönlichen, der sozialen, ökonomischen und politischen Freiheit auch jene Freiheit umfassen, erkennen zu können, dass die Realität, in der wir leben, nichts ist, was von uns getrennt und absolut existiert, sondern vielmehr erst durch unsere Erfahrungen und deren subjektive Interpretation entsteht. Das zu erkennen und zu verinnerlichen bedeutet vielleicht die größte und mächtigste Form der Freiheit zu erreichen, da uns dann klar wird, dass die Grenzen unseres Tuns und Wollens letztlich nur in uns selbst existieren.

Was für eine Gesellschaft könnten wir sein, würde dies schon unseren Kindern in der Schule beigebracht werden, anstatt sie in starren Erziehungsanstalten zu normgerechten Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen.